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BeitragFr 19. Mai 2017, 08:01 
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Fernsehfohlen hat geschrieben:
Ich würde es übrigens auch gar nicht unbedingt verurteilen, wenn jemand von dem Song nicht berührt wurde. Gab in der Musikgeschichte schon so einige Klassenummern, zu denen ich nicht den ganz großen Zugang gefunden habe. Nur wenn dann jemand ankommt und mir weismachen will, dass sie nicht objektiv besser zu beurteilen seien als irgendein Mallorca-Saufgegröle oder "SOKO"-Serien qualitativ vergleichbar seien mit "The Wire" oder "Fargo"... dann regt sich in mir etwas, was dringend zum Ausdruck gebracht werden möchte. Ganz dringend - und leider auch ganz oft, ja.

Im Gegenzug regt sich in mir was gegen fürchterlichen Elitarismus, wenn Leuten ein Song subjektiv nicht gefällt oder sie sich damit "selbst recht schwer getan" haben, mir dann aber dennoch erzählen wollen, warum der Weltklasse ist. Das hat für mich etwas von "Ich bin ja so gebildet, deshalb muss ich Kunst toll finden und das allen erzählen. Und Mainstream stinkt natürlich - auch wenn ich gewaltig mitwippe."

Ein Phänomen, das meiner Meinung nach auch ganz massiv um sich greift. Gilt nicht nur für Musik, sondern seit einigen Jahren auch bei TV-Serien. Seit Netflix werde ich umschwärmt von Leuten, die sich für den intellektuellen Nabel der Welt halten, weil sie eine Handvoll neue Einschlafhilfen gefunden haben, aber 99% des Marktes nicht kennen, auch kein Interesse daran haben und Unterhaltung eh verpönt ist. Über Zuschauer des linearen TVs rümpft die intellektuelle Elite ja auch nur noch die Nase. Wie kann man nur, bah.

Kunstdiskussion finde ich verdammt schwierig. Über das handwerkliche kann man immer diskutieren - aber handwerklich schlecht waren die meisten ESC-Nummern nun wirklich nicht. Nur weil ein Song die Party-Ecke bedient ist er ja nicht gleich handwerklich minderwertig. Nur ist das leider der Konsens, der von der selbsternannten Kunstelite oft so rüberkommt. Da werden ganze Genres abgekanzelt, weil sie nicht dem eigenen Weltbild von ansprechender Musik genügen. In dem Sinne fand ich auch die Siegerrede von Sobral sehr grenzwertig und unangemessen.

Zumal der ESC in erster Linie eine Unterhaltungsshow ist, keine Kunstgala. Inwiefern hat es ein künstlerisch wertvoller Song mehr verdient, zu gewinnen, als einer, der die Menschen zum Tanzen bringt? Meiner Meinung nach gar nicht. Sind Feuerwerk und Tänzer in schillernden Kleidern ein Makel guter Musik? Meiner Meinung nach nicht. Ist Portugal damit ein unverdienter Sieger? Nein, offenbar hats ja mehr Leuten gefallen als alle anderen Songs. Mission accomplished. Nur die Verallgemeinerung, dass die Menschen mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören werden, glaube ich nicht, und dass sie mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören sollten, finde ich eingebildet.

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BeitragFr 19. Mai 2017, 16:44 
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Neo hat geschrieben:
Habe auch echt überlegt, wann ich das letzte Mal einen Sieg derart unerstützenswert fand. Wahrscheinlich Lena, aber das auch nur aus einer Euphorie heraus, denn Satellite mochte ich eigentlich wirklich nicht so gerne. Wenn ichs mir recht überlege, fand ich sogar Taken By A Stranger stärker, weil sehr experimentell und für den Contest untypisch.


Finde ich auch, ja. Das hatte mir auch damals schon die Entscheidung, Lena nochmal antreten zu lassen, deutlich versüßt, weil ich das anfangs gar nicht mal so gut fand. Aber mit diesem düsteren, nicht unbedingt sonderlich "catchygen" Titel habe ich mich damit letztlich gut arrangieren können und höre den Song heute auch zumindest daheim im stillen Kämmerlein deutlich lieber als "Satellite".

Wie stark jetzt die Songs bei "USFD" waren... puh, keine Ahnung mehr, ehrlich gesagt. Ich fand dieses System, dass nur Lena dort mit etlichen Songs auftritt, irgendwie doof und es war meiner Meinung nach abzusehen, dass sowas als wochenlanges Event nicht so wirklich zieht. Aber bis auf TBAS wüsste ich gar nicht mehr, was das überhaupt für Songs waren - was im ersten Moment eigentlich dagegen spricht, dass ich die alle so wirklich toll fand. ^^

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AlphaOrange hat geschrieben:
Im Gegenzug regt sich in mir was gegen fürchterlichen Elitarismus, wenn Leuten ein Song subjektiv nicht gefällt oder sie sich damit "selbst recht schwer getan" haben, mir dann aber dennoch erzählen wollen, warum der Weltklasse ist. Das hat für mich etwas von "Ich bin ja so gebildet, deshalb muss ich Kunst toll finden und das allen erzählen. Und Mainstream stinkt natürlich - auch wenn ich gewaltig mitwippe."


Naja, ich habe ja ohnehin den Ruf als Snob weg und vielleicht auch gar nicht mal so unberechtigt, denn mein Anspruch ist bei der Rezeption von Musik wirklich immer, über die "gefällt mir / gefällt mir nicht"-Ebene hinaus zu denken und zu überlegen: Ist das, was ich da höre, vielleicht nicht unbedingt mein Ding, kann aber wegweisend sein? Gefällt es mir vielleicht nur deshalb nicht, weil es meinen Hörgewohnheiten nicht entspricht? Versucht es, Geist und Herz der Menschen für etwas Neues zu öffnen?

Ich werde dann immer mal wieder gefragt, ob ich dann überhaupt noch Freude an Musik empfinden kann, ob ich sie auch genieße oder nur noch verkopft denke etc.. Aber gerade beim Thema Musik, das ich weder für die Uni noch für meinen kleinen Job hier bei QM noch in sonstiger Form kritisch reflektieren MUSS, kann ich das für mich klar bejahen. Und ja, bei Partys etc. habe ich auch keine Probleme, zu einfachen Saufliedern abzugehen.

Übrigens sehe ich die (durchaus vorhandene) "das ist Mainstream, das ist bäh"-Attitüde selbst kritisch. Auch im Mainstream gibt es Innovation, Klasse und auf mich authentisch wirkende Emotion, Erfolg und Qualität müssen sich nach meiner Wahrnehmung weder bedingen noch ausschließen.

Zitat:
Seit Netflix werde ich umschwärmt von Leuten, die sich für den intellektuellen Nabel der Welt halten, weil sie eine Handvoll neue Einschlafhilfen gefunden haben, aber 99% des Marktes nicht kennen, auch kein Interesse daran haben und Unterhaltung eh verpönt ist. Über Zuschauer des linearen TVs rümpft die intellektuelle Elite ja auch nur noch die Nase. Wie kann man nur, bah.


Auch wenn du das Wort vermutlich eher zur Überspitzung deiner Botschaft genutzt hast, will ich auf "Einschlafhilfe" eingehen: Eben das sind für mich die Quality-Serien im Gegensatz zum klassischen Network-Format oder in Deutschland eben bspw. den "SOKO"-Serien nicht. Ich hätte "Breaking Bad", "Fargo" oder "True Detective" nicht einfach als Einschlafhilfe oder Nebenbei-Berieselung schauen können, ohne dass sie erheblich an Reiz verloren hätten.

Du hast aber Recht damit, dass auch ich kein wirklicher Serien-Experte bin und ein erheblicher Teil des Marktes an mir vorbeigeht. Aber gerade für Menschen wie mich, die tendenziell eher an Shows, Sportübertragungen, Nachrichten/Weltgeschehen und Dokus interessiert sind als an Serien, hat sich dieser "Quality-Diskurs" als überaus bereichernd entpuppt, da ich somit viel besser die Mannigfaltigkeit der Angebote danach selektieren kann, welche Serien für das relativ knappe Zeitkontingent, das ich dafür bereit bin aufzubringen, überhaupt interessant für mich sind. Klar, man könnte das alles auch weniger elitär haben, aber die Neigung, innovativere Narrative mit ungewöhnlicheren Hauptfiguren etc. als "besser" zu bezeichnen als das 20. "NCIS"-Spinoff, das nach Schema F abläuft, finde ich nur allzu verständlich.

Und mit dem Naserümpfen über das lineare TV hast du dann noch einen Punkt benannt, den auch ich eher schwierig finde. Diese gerne mal gehörte Globalkritik halte ich auch für unangebracht und kommt wirklich oft von Menschen, die kaum wissen, was überhaupt wo gesendet wird. Zu kritisieren gibt es angesichts diverser televisionärer Abartigkeiten sicherlich genug, aber Simplifizierungen der Marke "alles Verblödung, was im TV läuft, alles" sind wahrlich nicht bereichernd.

Zitat:
Über das handwerkliche kann man immer diskutieren - aber handwerklich schlecht waren die meisten ESC-Nummern nun wirklich nicht. Nur weil ein Song die Party-Ecke bedient ist er ja nicht gleich handwerklich minderwertig. Nur ist das leider der Konsens, der von der selbsternannten Kunstelite oft so rüberkommt. Da werden ganze Genres abgekanzelt, weil sie nicht dem eigenen Weltbild von ansprechender Musik genügen.


Stimmt, der ESC hat in den letzten Jahren eine deutliche Professionalisierung erlebt und die deutliche Mehrzahl der Titel ist mittlerweile handwerklich wirklich ordentlich. Wobei "handwerklich ordentlich" ja auch schon fast wieder eine Phrase ist, über die ich auch schon viel nachgedacht habe. Bei "Yodel It!" würde ich mich persönlich auch ziemlich dagegen wehren, ihn als minderwertige Musik zu bezeichnen, da er bei mir so einige "Kreativitätspunkte" sammelt und ich die Mixtur aus Rap und Gejodel zwar nicht perfekt umgesetzt, aber von ihrem Grundgedanken schon interessant fand. Und Spaß hat mir das Lied halt auch gemacht, von daher... gabs dann auch nen Anruf dafür. 8)

Zitat:
In dem Sinne fand ich auch die Siegerrede von Sobral sehr grenzwertig und unangemessen.


Ich kann ihn da schon nachvollziehen. Er hat ja schon einmal die gnadenlose Casting-Maschinerie mitgemacht, sich dann davon distanziert und feststellen müssen, dass es für die Musik, für die er wirklich "lebt", kaum eine große Bühne gibt - sehr wahrscheinlich auch, weil sie für nicht massentauglich oder ähnliches befunden wurde. Dann hatte er nun die große Bühne, wird von Experten wie Massenpublikum gleichermaßen geliebt und naja... das wollte er wohl für seine Message nutzen.

Zitat:
Inwiefern hat es ein künstlerisch wertvoller Song mehr verdient, zu gewinnen, als einer, der die Menschen zum Tanzen bringt? Meiner Meinung nach gar nicht. Sind Feuerwerk und Tänzer in schillernden Kleidern ein Makel guter Musik? Meiner Meinung nach nicht. Ist Portugal damit ein unverdienter Sieger? Nein, offenbar hats ja mehr Leuten gefallen als alle anderen Songs. Mission accomplished. Nur die Verallgemeinerung, dass die Menschen mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören werden, glaube ich nicht, und dass sie mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören sollten, finde ich eingebildet.


Ich würde das vielleicht andersrum angehen: Weniger als "Tanz- und Feierverbot" für die Masse und eher als "Vielfaltsgebot" für diejenigen, die für die Auslese derjenigen Unterhaltungsformen verantwortlich zeichnen, die beim Massenpublikum stattfinden. Und wenn man sich mal das Pop-Business anschaut, das überfrachtet ist mit Deep-/Tropical-House-Tracks und sich relativ stark ähnelnden Popsongs ist, gibt es für dieses Vielfalts-Plädoyer aus meiner Sicht durchaus Bedarf. Ich finde es schade, dass härterer Rock kaum stattfindet, dass es für Jazz nur wenige Plattformen gibt, schon experimentellere Spielformen im Pop-, Electro- und Indie-Bereich nur selten das Airplay erreichen, man einen normalen Radiosender tagsüber komplett meiden kann, wenn man nicht nur bekannte Hits hören möchte etc..

Um da vielleicht mal etwas Umdenken zu erreichen und ein bisschen mehr Vielfalt zu fördern, kann dieser Sieg vielleicht schon etwas erreichen. Den Menschen die Freude am Tanzen nehmen, leichte Pop-, Dance- oder Schlagermusik auf ewig als "Volksverdummung" brandmarken und verbieten oder solche Geschichten sind natürlich Schwachsinn und nicht einmal für den größten Kultur-Snob wünschenswert, wenn er die Implikationen dessen mal konsequent zu Ende denkt. Ich sehe es mehr so als Signal nach dem Motto "guckt mal, auch Abseitiges kann die Masse erreichen!" - und dieses Signal finde ich schön, wünschenswert und bereichernd.


Kleines Abschlusswort noch zu meinem Roman: Ich bin zwar in einigen Punkten anderer Meinung als du, finde dein Posting aber im Gegensatz zur "alles nur Geschmackssache"-Phrase durchaus bereichernd. Aber solche Phrasen lese ich eben oft und finde ich als Diskussionsimpuls über Kunst wahnsinnig ermüdend. Ich stoße auch immer wieder an Grenzen meiner Überlegungen bzgl. subjektiver und objektiver Bewertungskriterien und kann die "Objektivitätsskepsis" gut nachvollziehen.


Fohlen

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BeitragFr 19. Mai 2017, 19:20 
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Fernsehfohlen hat geschrieben:
Auch wenn du das Wort vermutlich eher zur Überspitzung deiner Botschaft genutzt hast, will ich auf "Einschlafhilfe" eingehen

Ja, da ist der Sarkasmus durchgegangen - hätte man wohl sachlicher formulieren können.

Zitat:
Du hast aber Recht damit, dass auch ich kein wirklicher Serien-Experte bin und ein erheblicher Teil des Marktes an mir vorbeigeht. Aber gerade für Menschen wie mich, die tendenziell eher an Shows, Sportübertragungen, Nachrichten/Weltgeschehen und Dokus interessiert sind als an Serien, hat sich dieser "Quality-Diskurs" als überaus bereichernd entpuppt, da ich somit viel besser die Mannigfaltigkeit der Angebote danach selektieren kann, welche Serien für das relativ knappe Zeitkontingent, das ich dafür bereit bin aufzubringen, überhaupt interessant für mich sind.

Ich kann natürlich nicht für dich sprechen, nur über das, was ich beobachte. Und das sieht seit dem Aufkommen von Netflix so aus, dass ich sehr viele Leute kenne, die alle die gleichen Handvoll Serien gucken, die sie für das Maß aller Dinge halten. Nicht etwa, weil sie sich in der Serienwelt auskennen und das beurteilen können, sondern weil sie eh nur das gucken, was in der eigenen Filterbubble als anspruchsvoll gilt. Das sind selbsternannte Serienjunkies, mit denen du dich nicht unterhalten kannst, weil sie sich außerhalb ihres Mikrokosmos null auskennen und das auch irgendwie nicht wollen. Nischenempfehlungen - ob Low-Budget, Non-USA oder ältere Formate - prallen da einfach ab. Was nicht gerade en vogue ist und von Kritikerstimmen ekstatisch bejubelt wird, kann nix - unbesehen.
Ich habe nichts dagegen, wenn Leute sich ihre Bubble suchen und sich darin wohl fühlen. Aber dann bitte nicht so benehmen, als wenn der eigene oft fremdbestimmte Geschmack das Maß aller Dinge wäre.

Zitat:
Und mit dem Naserümpfen über das lineare TV hast du dann noch einen Punkt benannt, den auch ich eher schwierig finde. Diese gerne mal gehörte Globalkritik halte ich auch für unangebracht und kommt wirklich oft von Menschen, die kaum wissen, was überhaupt wo gesendet wird. Zu kritisieren gibt es angesichts diverser televisionärer Abartigkeiten sicherlich genug, aber Simplifizierungen der Marke "alles Verblödung, was im TV läuft, alles" sind wahrlich nicht bereichernd.

Genau mein Punkt. Auch hier wieder Elitarismus der Ahnungslosen. Es gibt diesbezüglich wohl keinen prägenderen Satz als "Ich gucke schon seit Jahren kein Fernsehen mehr." gefolgt von einem ausführlichen Rundumschlag gegen den gegenwärtigen Zustand der TV-Landschaft.

Zitat:
Zitat:
In dem Sinne fand ich auch die Siegerrede von Sobral sehr grenzwertig und unangemessen.


Ich kann ihn da schon nachvollziehen. Er hat ja schon einmal die gnadenlose Casting-Maschinerie mitgemacht, sich dann davon distanziert und feststellen müssen, dass es für die Musik, für die er wirklich "lebt", kaum eine große Bühne gibt - sehr wahrscheinlich auch, weil sie für nicht massentauglich oder ähnliches befunden wurde.

"Befunden" klingt sehr böse. Als ob da Plattenbosse gesessen hätten, die in ihm nicht genügend Dollars gesehen haben. Er hat damals im Televoting verloren, genauso wie dieses mal die anderen ESC-Teilnehmer - die Situation ist beinahe dieselbe, nur damals stand er auf der anderen Seite.

Ich verstehe ihn emotional ja in der Situation auch vollkommen. Aber die Wortwahl war schon unglücklich und den anderen Kandidaten gegenüber unangemessen.

Dann hatte er nun die große Bühne, wird von Experten wie Massenpublikum gleichermaßen geliebt und naja... das wollte er wohl für seine Message nutzen.

Zitat:
Ich würde das vielleicht andersrum angehen: Weniger als "Tanz- und Feierverbot" für die Masse und eher als "Vielfaltsgebot" für diejenigen, die für die Auslese derjenigen Unterhaltungsformen verantwortlich zeichnen, die beim Massenpublikum stattfinden. Und wenn man sich mal das Pop-Business anschaut, das überfrachtet ist mit Deep-/Tropical-House-Tracks und sich relativ stark ähnelnden Popsongs ist, gibt es für dieses Vielfalts-Plädoyer aus meiner Sicht durchaus Bedarf. Ich finde es schade, dass härterer Rock kaum stattfindet, dass es für Jazz nur wenige Plattformen gibt, schon experimentellere Spielformen im Pop-, Electro- und Indie-Bereich nur selten das Airplay erreichen

Ich kanns schwer beurteilen, weil ich quasi kein Radio höre. Letztenendes unterliegt halt auch da vieles dem Diktat der Quote.
Im Großen und Ganzen ist der Musikmarkt in meiner Wahrnehmung allerdings dermaßen unüberschaubar und vielfältig, dass sich in jeder Richtung genug findet. Man darf halt nicht den Anspruch erheben, dass das alles Mainstream (sprich: von überdurchschnittlich vielen Menschen gehört) sein muss. Das wird auch Sobral nicht werden. Der wird in sein Nischendasein zurückkehren, aber durch den ESC eine kleine Musikliebhaberschaft gewonnen haben, die ihm treu bleibt.

Zitat:
Ich sehe es mehr so als Signal nach dem Motto "guckt mal, auch Abseitiges kann die Masse erreichen!" - und dieses Signal finde ich schön, wünschenswert und bereichernd.

Filterblasen aufbrechen - in beide Richtungen.

Zitat:
Kleines Abschlusswort noch zu meinem Roman: Ich bin zwar in einigen Punkten anderer Meinung als du, finde dein Posting aber im Gegensatz zur "alles nur Geschmackssache"-Phrase durchaus bereichernd.

Ich geb das Kompliment gerne zurück. Mein Elitarismus-Rant angereichert mit einem Zitat von dir war schon haarscharf am persönlichen Angriff - die Antwort wäre sicherlich nicht bei jedem hier so souverän ausgefallen.

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BeitragFr 19. Mai 2017, 23:03 
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AlphaOrange hat geschrieben:
Fernsehfohlen hat geschrieben:
Ich würde es übrigens auch gar nicht unbedingt verurteilen, wenn jemand von dem Song nicht berührt wurde. Gab in der Musikgeschichte schon so einige Klassenummern, zu denen ich nicht den ganz großen Zugang gefunden habe. Nur wenn dann jemand ankommt und mir weismachen will, dass sie nicht objektiv besser zu beurteilen seien als irgendein Mallorca-Saufgegröle oder "SOKO"-Serien qualitativ vergleichbar seien mit "The Wire" oder "Fargo"... dann regt sich in mir etwas, was dringend zum Ausdruck gebracht werden möchte. Ganz dringend - und leider auch ganz oft, ja.

Im Gegenzug regt sich in mir was gegen fürchterlichen Elitarismus, wenn Leuten ein Song subjektiv nicht gefällt oder sie sich damit "selbst recht schwer getan" haben, mir dann aber dennoch erzählen wollen, warum der Weltklasse ist. Das hat für mich etwas von "Ich bin ja so gebildet, deshalb muss ich Kunst toll finden und das allen erzählen. Und Mainstream stinkt natürlich - auch wenn ich gewaltig mitwippe."

Ein Phänomen, das meiner Meinung nach auch ganz massiv um sich greift. Gilt nicht nur für Musik, sondern seit einigen Jahren auch bei TV-Serien. Seit Netflix werde ich umschwärmt von Leuten, die sich für den intellektuellen Nabel der Welt halten, weil sie eine Handvoll neue Einschlafhilfen gefunden haben, aber 99% des Marktes nicht kennen, auch kein Interesse daran haben und Unterhaltung eh verpönt ist. Über Zuschauer des linearen TVs rümpft die intellektuelle Elite ja auch nur noch die Nase. Wie kann man nur, bah.

Kunstdiskussion finde ich verdammt schwierig. Über das handwerkliche kann man immer diskutieren - aber handwerklich schlecht waren die meisten ESC-Nummern nun wirklich nicht. Nur weil ein Song die Party-Ecke bedient ist er ja nicht gleich handwerklich minderwertig. Nur ist das leider der Konsens, der von der selbsternannten Kunstelite oft so rüberkommt. Da werden ganze Genres abgekanzelt, weil sie nicht dem eigenen Weltbild von ansprechender Musik genügen. In dem Sinne fand ich auch die Siegerrede von Sobral sehr grenzwertig und unangemessen.

Zumal der ESC in erster Linie eine Unterhaltungsshow ist, keine Kunstgala. Inwiefern hat es ein künstlerisch wertvoller Song mehr verdient, zu gewinnen, als einer, der die Menschen zum Tanzen bringt? Meiner Meinung nach gar nicht. Sind Feuerwerk und Tänzer in schillernden Kleidern ein Makel guter Musik? Meiner Meinung nach nicht. Ist Portugal damit ein unverdienter Sieger? Nein, offenbar hats ja mehr Leuten gefallen als alle anderen Songs. Mission accomplished. Nur die Verallgemeinerung, dass die Menschen mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören werden, glaube ich nicht, und dass sie mehr "künstlerisch wertvolle" Musik hören sollten, finde ich eingebildet.


Hätte es nicht besser Ausdrücken können. Trifft den Nagel auf den Kopf. Dieser Elitarismus greift echt stark um sich, egal in welchem Gebiet und es gibt immer Leute, die sich für was besonderes halten und andere abwerten. Es ist auch ein Kampf gegen Windmühlen.


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