DonnieDarko hat geschrieben:Ehrlich gesagt, ich gehöre wohl zur zweiten Gruppe. Großartige Antworten bezüglich der zahlreichen Rätsel der Serie erwarte ich schon lange gar nicht mehr,
Die Autoren sagen ja selbst, dass ihnen eine Auflösung für die Charaktere am Wichtigsten ist und eine Antwort auf die Frage, was da mit Claire abgeht, gehört für mich persönlich doch dazu.
Ich denke mal, dass die Mehrheit der Fans am Ende der Serie unzufrieden damit sein wird wie die Serie geendet ist und das hätte man sich schon bei Beginn der Serie denken können. Die Serie wurde mit ihrem Einfluss auf die Popkultur ja am Anfang auch z.B. mit Akte X verglichen, ein treffender Vergleich, wenn man bedenkt wie schlecht das Akte X-Finale damals aufgenommen worden ist. Das Lost-Finale wird sich wohl definitiv in der Kategorie der enttäuschenden finalen Folgen populärer Genre-Serien irgendwo zwischen Akte X und BSG einordnen lassen. Trotzdem wird das nichts daran ändern, dass LOST die TV-Landschaft veränderte und sechs Jahre lang eine der am meisten diskutierten Serien im US-Fernsehen war, was auch eine Flut an mehr oder weniger erfolglosen/erfolgreichen Lost-Kopien (Invasion, Surface, Threshold, Flash Forward, V, Heroes) auslöste.
Wollte mich ja eigentlich mit abschließenden Einschätzungen zur gesamten Serie bis nach dem Finale zurückhalten, aber bei dem Post muss ich auch mal alle meine Einsprüche erheben.
Fangen wir mal von hinten an:
Was du da als Lost-Kopien listest sind einfach alle Genre-Serien im Bereich Mystery/Sci-fi, die mit Lost einzig gemeinsam haben, dass sie alle Serials sind. Da und auch generell finde ich den Einfluss von Lost absolut überschätzt. Welche Show hat sich denn schon in den letzten 6 Jahren wirklich an Lost orientiert? Eigentlich keine. All die gemeinsamen Elemente gehen schon auf davorliegende Formate zurück. V ist ein Remake, Heroes orientiert sich am Superhelden-Boom mit viel X-Men Anleihe, Surface ist eher eine Monster-Mystery und bei Invasion und Threshold sinds Alien-Szenarien. Lostiges find ich da so gar nicht drin.
Was die Erwartungshaltung an das Ende angeht finde ich den Akte X Vergleich auch sehr ungünstig. Bei Akte X hat man schon in der Serienmitte gemerkt, dass sich da eher von Folge zu Folge vorangeschrieben wurde. Außerdem hat es als Semi-Procedural, das wenn überhaupt auf eine einzige und klar benannte finale Antwort zusteuerte (Alienbeweis ja/nein), nie eine so konstante Mythologie angedeutet wie Lost. Das Finale von Akte X ist auch eher daran gescheitert, dass man sich erneut um eine klare Antwort auf die Kernfrage herumgewunden hat. Bei Lost kriegt man die letzte Frage ja nichtmal mehr sauber artikuliert so sehr fasert das alles aus. Da könnte es tatsächlich mehr auf das BSG Debakel hinauslaufen. Das hat sich am Ende nämlich einfach dagegen entschieden als Genre-Serie zu enden und hat unplausible Esoterik statt moralbelastete Sci-fi-Konfliktlösung geliefert.
Ähnlichkeit zu Lost besteht hier aber darin, dass man bei BSG immer wieder einen großen Masterplan geteasert hat und vermittelte, dass die Autoren von Anfang an genau wussten, wo sie hinwollen. Exakt das hat man uns bei Lost ja auch seit Season 1 versucht weiszumachen und mit wohl größeren Erfolg als bei jeder anderen Serie. Das ist aber vor allem eine Marketingleistung, die geschickt eine Internetcommunity eingebunden hat, die akribisch jeden Brotkrumen auf einer scheinbaren Fährte zur großen Erleuchtung gestreut war. Dummerweise laufen viele dieser Bröselspuren jetzt ins Leere und sowas enttäuscht natürlich die eigenhändig angefütterten hardcore-fans. Bei der Vollmundigkeit, mit der sich die Autoren in Podcasts und auf Convention-Panals produziert haben, haben sie sich die Messlatte selbst zu hoch gesteckt. Und wenn der Plot bröckelt ist die Standardformel "its a character drama" auch nur eine artsy-fartsy Luftblase von Autoren, die ihre eigene Hybris nicht eingestehen wollen.
Worin besteht also die große Leistung von Lost? Eigentlich nur im Teasern mit vagen Andeutungen und einem außergewöhnichen Setting. Dramaturgisch war Lost für mich nie top notch. Dafür war der Ausgangscast zu breit und typisiert (man erinnere sich allein an die flachen Charakterzeichnungen von Shannon, Claire, Charlie etc.) Und um die auszubauen hat man sich dramaturgisch sehr simpler und nachteilbehafteter Mittel bedient.
Episodenfokus auf eine Figur ist ja im Prinzip nicht schlecht auch wenn es bei einer Ensemble-Serie natürlich eleganter wäre alle Charaktere parallel zu entwickeln. Das ist natürlich sehr anspruchsvoll für die Autoren und wird nur von echten Topserien wie Six Feet Under oder Damages wirklich gut erreicht, die sich dann auch zurecht character drama nennen dürfen. Genre-Serien tun sich da eher schwer dran (die leidig-kitschige BSG Melodramatik) oder überwerfen sich mit Figurenmotivationen und gehen völlig baden (Heroes). Da macht es sich Lost aber gleich noch eine Nummer einfacher, indem man nicht nur Episodenfokus macht sondern die einzelne Figur gleich in einem herausgelösten Flashback vorstellte, der inhaltlich maximal indirekt mit der Inselhandlung verknüpft war. Das fand ich von Anfang an dramaturgisch ganz schön billig, vor allem weil einem meist ziemlich abgeschmackte Nebengeschichten präsentiert wurden. Es fällt mir schwer zu glauben, dass irgendjemand Lost wegen diesen Charaktergeschichtchen geschaut hat. Dem wirklich interessanten Mythologie-Part hat das immer nur Sendezeit geklaut und den fiesen Kaugummi-Stretch-Eindruck verschärft. Erzähltempo ist auch nicht gerade eine Stärke von Lost. Warum also schaut man bis jetzt weiter? Weil man den Machern abgekauft hat, dass wir eine zufriedenstellende Auflösung der Fragen bekommen würden.
Wie das ausgeht, kommentier ich dann aber wirklich erst in ein paar Wochen.